AUF DEM WEG

Simon Bellett hat eine besondere Perspektive auf «Complete Vocal Technique» - der Musiker ist beinahe blind und wird CVT-Lehrer.


Ich bin so froh, endlich nicht mehr im Dunkeln zu tappen, sagt Simon Bellett, Chorleiter, Komponist und Multiinstrumentalist aus Schiffdorf bei Bremerhaven. Genau genommen kommt er aus dem englischen Yorkshire, lebt aber seit fast 20 Jahren in Niedersachsen. Und genaur genommen tappt er eigentlich immerzu im Dunkeln - aber eben «nur» im Wortsinn. Denn seit gut 20 Jahren verliert er durch die erbliche Erkrankung Retinitis pigmentosa allmählich sein Augenlicht. Lediglich ein Tunnelblick bleibt ihm, ein schmales Gesichtsfeld wie durch ein Schlüsselloch mit verschwimmenden Rändern, das jedes Jahr kleiner wird.

Wenn er davon spricht, endlich klarer zu sehen, meint Simon Bellett seine Erfahrungen mit Complete Vocal Technique (CVT). Derzeit steckt er mitten in seiner dreijährigen Ausbildung zum diplomierten Lehrer für CVT, für die er sechsmal im Jahr in den Zug nach Kopenhagen steigt - mit Hut gegen blendendes Sonnenlicht und natürlich mit Blindenstock.

Als Kind im klassischen Klavierspiel und später als C-Organist ausgebildet, sang er schon immer im Chor. Seine Erblindung machte allerdings flüssiges Notenlesen und das Reagieren auf die Handzeichen des Dirigenten nach und nach unmöglich. So entschied sich Bellett, die Seiten zu wechseln und absolvierte 1998 beim Landesmusikrat Niedersachsen die Chorleiterausbildung.

Partituren kann sich der 41-Jährige aneignen, das dauert zwar etwas länger, aber dafür hat er in den Jahren notgedrungen sein musikalisches Gedächtnis geschult, spielt und dirigiert auswendig. Er hat viele Jahre Pop- und Gospel-Chöre in der Region geleitet, arbeitet mit Jugendlichen wie Erwachsenen und schrieb für Grundschulen Musicals. Inzwischen ist der Mann mit dem englischen Akzent und der jugendlichen Stimme vor allem als Stimmbildner tätig, gibt Konzerte mit irischer Musik oder als Hotelpianist, unterrichtet Klavier und schreibt an einem Buch.

Stimmbildung war natürlich immer auch Bestandteil von Belletts Chorleitertätigkeit, von CVT hatte er immer wieder gehört. Aber dem Grundsatz, dass jeder lernen könne zu singen und zwar in jedem gewünschten Stil, begegnete er ungläubig. «Ich war der Meinung, dass es angeboren ist, ob man eine Stimme für Blues oder für klassischen Gesang hat», sagt er.

Als er 2011 bei CVT-Lehrerin Lindsay Lewis eine Gesangsstunde nahm, plazte allerdings der Knoten. «Ich habe in sechzig Minuten mehr gelernt als davor in sechs Monaten», sagt er. Dann war die Entscheidung schnell getroffen, sich in Kopenhagen zur dreijährigen CVT-Ausbildung anzumelden. Nach einem Vorsingen via Skype war er einer von zwölf Schülern aus Spanien, Holland, Skandinavien, der Schweiz und den USA. «Die Leute komm aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Musical, Kirchenmusik, klassischer Gesang, sogar ein Musikproduzent ist dabei», erzählt Bellett. «Alle haben etwas, das sie gut können und etwas, das sie nicht können. Ich zum Beispiel lerne gerade Jodeln.»


GENAUE ANALYSE, DIE «WUNDER» BEWIRKEN KANN


Gegenüber der Arbeit mit Vorstellungen und Metaphern hat CVT den Vorteil, dass man alle Stimmphänomene genau analysieren könne, dass man konkrete Techniken habe, sagt Bellett. «Man kann so viel hören und erklären. Es muss nichts mehr peinlich sein, gerade in der Arbeit mit jungen Leuten in der Pubertät», findet er. Was ihm besonders beeindruckt hat: «Schon bevor Adele 2011 Stimmprobleme bekam, haben unsere Lehrer gehört, dass sie ihrer Stimme schadet durch die Art und Weise, wie sie singt. Curbing mit Hauch, das konnte auf Dauer nicht gut gehen.» Die Neugier der CVT-Begründerin Catherine Sadolin für die Funktionsweisen der Stimme und die Skepsis gegenüber gängigen Mythen übers Singen, die differenzierte Beschreibung, all das fasziniert ihn.

Glücklich machen Bellett Erlebnisse wie das mit der Chorsängerin, die allein keine Melodie halten konnte. Ihr Ziel war es, einen Kanon singen zu können, obwohl sie nicht daran glaubte, das jemals zu schaffen. Eine Dreiviertelstunde arbeitete Bellett mit der Frau an ihrer Stütze, und schließlich versuchten sie den Kanon zu dritt. Zusätzlich spielte Bellett als Ablenkung am Klavier «Happy Birthday» in einer anderen Tonart. Die Frau hielt ihre Kanonstimme bis zum Ende durch und brach schließlich in Tränen aus über das Wunder, das mit ihrem Singen geschehen war.


ANDERE BLINDE IN DIESEM ALTER SIND SCHON RENTNER


«Es ist großartig, wenn man Menschen wirklich helfen kann», sagt Bellett. Und dass er ein Riesenglück hat, bei seinem Beruf als Musiker nicht auf das Augenlicht angewiesen zu sein. «Andere Blinde in meinem Alter sind schon Rentner. Ich möchte aber nicht ausgebremst werden.» Technische Hilfsmittel wie ein PC, der spricht, erleichtern ihm den Alltag. Er habe immer versucht, seiner Erblindung zwei Schritte voraus zu sein, sagt der Musiker. Mit CVT fühlt er sich seinem Handicap fünf Schritte voraus.

Neue Schritte hat Bellett nie gescheut. So tritt er regelmäßíg ins Rampenlicht für seine Ein-Mann-Show, bei der er spontan auf Zuruf quer durch die Musikstile an Piano, Saxophon, Flöte, Akkordeon und Gitarre ein abendfüllendes Programm aus dem Hut zaubert. Er tritt als Blinder auf und lässt sich vom Publikum assistieren und sich das richtige Instrument reichen.

Wenn er sich auf die siebenstündige Reise nach Kopenhagen macht, ist das jedes Mal auch ein kleines Abenteuer. Und immer muss er auf Fremde zugehen, sie um Hilfe bitten. «Ich erlebe so viel, oft auch Lustiges», sagt Bellett. «Es kommt vor, dass mir jemand die Treppe hinunterhelfen will, obwohl ich das sehr gut allein kann. Oft ist diese Person dann so konzentriert darauf, mir zu helfen, dass sie selbst stolpert. Da könnte ich mich wegschmeißen.» Nicht lustig war die Situation , in der nachts um elf die Tür seiner Unterkunft in Kopenhagen verschlossen war und am Telefon nur ein Anrufbeantworter.

Simon Bellett ist auf dem Weg, die meisten Hindernisse nimmt er mit Humor - dazu passt die positive Philosophie der CVT, die ihm in Kopenhagen begegnet. «Es ist toll ein Ziel zu haben», sagt er. «Was ich bei CVT lerne, kann mir keiner mehr nehmen, auch wenn ich nicht mehr sehen kann.»


Quelle: Chorzeit - Das Vokalmagazin, Februar 2014. Von Nora Friedel.