DER BESTE BERUF FÜR JEMANDEN, DER ERBLINDET

Simon Bellett inszeniert sein eigenes Musical mit 50 Kindern - und kann kaum etwas davon sehen


HAMELN. Zum Notenlesen muss der Mensch sehen

können, zum Komponieren auch. Und um ein Musical

auf die Bühne zu bringen, sowieso. Überhaupt : ohne

den prüfenden Blick des “Maestros” auf das gesamte

Geschehen geht es wohl nicht. Erstrecht nicht, wenn

ein Musical mit einer Horde aus 50 Kindern einstudiert

werden soll und die Chöre aus den Grundschulen Tündern,

Rohrsen und der Basbergschule sich nicht einmal kennen!

Sollte man zumindest meinen. Oder doch nicht ? Simon

Bellett jedenfalls “sieht” es anders: “ Wer Musik macht,

der braucht keine Augen.” Simon Bellett ist Komponist,

Chorleiter der Chorjugend im Chorverband Niedersachsen-

Bremen; als leitender Dozent führt er regelmäßig Kinder-

und Jugendchorprojekte durch, arbeitet überregional mit

Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Hobbysängern,

ist Hauspianist in einem Hotel und Organist in einer

Kirchengemeinde. Und: Er kann kaum etwas sehen.

Nicht obwohl, sondern gerade weil er an einer unheilbaren

Augenerkrankung leidet, sei Musik sein Leben. “Für

jemanden, der langsam erblindet, habe ich den besten Beruf

überhaupt”, sagt der gebürtige Brite, der 1995 nach

Deutschland kam und heute in der Nähe von Bremerhaven

lebt. Der berufliche Werdegang habe sich “ergeben”, als

Ärzte Rentinitis Pigmentosa diagnostizierten, eine

Augenerkrankung, in deren Verlauf die Netzhaut zerstört

wird. “Als Sänger im Chor konnte ich irgendwann die Einsätze nicht sehen, also wurde ich Dirigent”, sagt der 37 -Jährige. Klavier und Saxophon spiele er auswendig, und mit Hilfe von speziellen PC-Programmen, mit denen sich Noten einspielen lassen und Texte vorgelesen werden können, gehe heutzutage so gut wie alles andere auch. Wäre die Augenkrankheit nicht gewesen, wäre er nie auf die Idee gekommen, sich beruflich weiterzuentwickeln und eben auch Musical zu schreiben. “Und das ist gut für mich und meine Musik”, sagt Bellett.

Und gut für die Hamelner Chor-Kinder, die mit ihm die “Zirkusträume” einstudieren.

Im Rahmen der Chortage wird das Musical zu sehen sein: eine abenteuerliche Geschichte  um das Zirkuskind Tina,  um Artisten, Zauberer und eine Schulklasse, die den ganzen Zirkus rettet.

100 Chöre des Chorverbandes Niedersachsen-Bremen mit mehr als 4000 Sängern haben sich für das Gesangs-Wochenende vom 04. bis zum 06. Juni in Hameln angemeldet. Dass gerade einmal drei Übungseinheiten für den großen Auftritt der Hamelner Jungsänger ausreichen sollen, mag vielleicht unrealistisch klingen. Ist es aber offensichtlich nicht. Kinderchorleiterin Cathrin Pusch und Melanie Glaubitz, die die Klavierbegleitung übernimmt, unterstützen Simon Bellett während der Proben. Von 10 - 16 Uhr wird gesungen und geschauspielert - und “danach waren wir mit allen durch”, sagt Hariet Oetke-Böhm, Rektoren an der Basbergschule, über den ersten Übungstag. Durch mit den “Casting”, mit dem “Vorsprechen”, mit der Rollenbesetzung. Lilly Marie Gossler aus 4 a der Grundschule Rohrsen überzeugte als grimmiger und garstiger Zauberer, und mit ihrer klaren Stimme wird Luisa Pöhlmann aus der dritten Klasse die Zuschauer in das Stück einführen. Die zwei Freunde Lennat Discher und Adrian Helbing, beide neun Jahre alt und aus der 3 a der Grundschule Tündern, bekamen den Zuschlag für die Polizisten-Rollen.

Die acht Lieder die das bunte Zirkusspektakel über 40 Minuten tragen - ein Kinderspiel für die gesangsbegabten Jungen und Mädchen. “Überhaupt nicht anstrengend, “ sagt Hagen Langosch aus der 3 b der Basbergschule. Die Stücke, erklärt Simon Bellett, seien immer sehr melodisch und eingängig. “Immer unterwegs von Ort zu Ort” beispielsweise beschreibt das Leben eines Zirkuskindes. Und kaum wird es angestimmt, wandern die Chorkinder auch schon auf der Stelle los.

Mal bastele er längere Zeit an einem Stück, schreibe eine Textzeile, komponiere eine Melodie dazu, erzählt Bellett. Mal aber mache es einfach “Klick” und das Lied flutsche nur so heraus. Wie auch immer: In knapp drei Monaten war das 2005 komponierte Zirkus-Musical fertig. Es seien konkrete Stimmungen, die er vertone, in diesem Fall “Zirkusträume in Noten”, so zu sagen. Dass die Spaß machen, versteht sich von selbst. Und wenn es während der Proben auch noch “Pausen und Pizza” gibt, dann erst recht, meint Luka Manin aus der 4 b der Basbergschule, der sich für die Rolle des Zirkusdirektors qualifiziert hat. Zum anderen ist es natürlich der nette Musiker mit dem englischen Akzent, der die Kinder zu begeistern versteht: “Es ist immer richtig lustig.” Mit langen Reden und Theorie hält sich Bellett nicht unnötig auf. Er schnappt die Gitarre, singt den Kindern die Melodie vor - und sie singen sie nach. Zunächst ganz ohne Text - und Notenzettel. Und immer wieder heißt es: wiederholen, wiederholen. Ganz easy, und effetktiv, Belletts Methode. Das gleiche Lied mit unterschiedlichen instrumentale Begleitung Stück für Stück einzuüben, dazu eine gutdosierte Mischung aus Humor und Disziplin, das halte die Kinder bei der Stange, fördere Konzentration und Motivation. Um Hausaufgaben kommen sie trotzdem nicht herum. Doch was Mr. Bellett aufgibt, “ist überhaupt keine Arbeit”, finden die jungen Sänger. Zu Hause läuft pausenlos die CD mit den Zirkusliedern, die Mr. Bellett singt - und man könne doch gar nicht anders, als einfach mitzusingen!

  


Quelle: Deister- und Weserzeitung Mai 2010