MUSIK - MEIN LEBENSWEG

Simon Bellett


Der Weg ist das Ziel. Ich liebe diesen Spruch! Er sagt so viel über unser Leben aus, über mein Leben in ganz besonderer Weise. Mein Weg ist die Musik, mein Wegbegleiter die Augenkrankheit RP. Aber das Schöne ist: Wenn man den Weg gefunden hat, braucht man ihn „nur noch“ zu gehen. Das heißt nicht, dass man auf diesem Weg keine Hindernisse überwinden muss, doch das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein, ist ein Gefühl der Geborgenheit.


Jeder, der an RP leidet, kennt solche Reaktionen: „Das muss schlimm sein!“, „Da hat man schlechte Perspektiven.“ usw. Ich kann zum Glück darauf antworten: „Ich haben den besten Beruf für diese Krankheit.“, oder „Mir geht es gut – ich habe meine Musik!“ Ich habe Glück, Musik ist wie ein Geschenk für mich.


Musik ist ein breites Feld und die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. So haben sich in den letzten Jahren für mich immer wieder Türen zu neuen Bereichen geöffnet.


Als Pianist und Organist habe ich lernen müssen, auswendig zu spielen. Meine Musikalität hat dadurch gewonnen. Um Musik auswendig zu spielen, muss man sich mit ihr auseinandersetzen, sie besser verstehen, neue Denkweisen entwickeln. Ich bin gezwungen, ein besserer Musiker zu werden und freue mich über die Fortschritte, die ich mache.


In einem guten Chor singen - das war für mich irgendwann nicht mehr möglich. Ich konnte dem Dirigenten nicht folgen, verpasste Einsätze und übersah wichtige Zeichen. Meine Lösung vor einigen Jahren war, selbst Chorleiter zu werden. Wenn ich vorne stehe, gebe ich die Einsätze - ich muss nicht sehen, sondern gesehen werden!


Wäre ich ohne RP Chorleiter geworden? Vielleicht nicht. Die Augenkrankheit treibt mich immer voran. Ich darf und will nicht stehen bleiben im Leben. RP sorgt dafür, dass ich mich selbst herausfordere. Mit der Musik ist meine musikalische (berufliche) Entwicklung mit meiner persönlichen Entwicklung gekoppelt und dies erlebe ich als sehr bereichernd.


Ich bin auf dem Weg. Hinter mir liegen Dinge, die ich jetzt leider nicht mehr machen kann. Noten lesen ist mittlerweile sehr anstrengend. Aber ich habe viel Musik im Kopf und das Erlernen von neuen Stücken durch Anhören und Analysieren geht immer schneller. Es gibt technische Hilfsmittel wie Vergrößerungsgeräte und Computer, die mit einem sprechen. Und es gibt sehr viele hilfsbereite Menschen, die Unterstützung anbieten. DANKE!!!


Die Liste von “neuen Sachen” ist mittlerweile ziemlich lang. Wäre ich ohne RP Saxophonspieler geworden? Wahrscheinlich nicht  - und Saxophon spielen möchte ich jetzt auf keinen Fall mehr missen. Hätte ich meine Kindermusicals geschrieben? Wäre ich an Gesang so interessiert gewesen?


Mein “LIVE”-Konzert ist einmalig, weil es viele von diesen musikalischen Bereichen, neue und alte, zusammenbringt. Ich kann als Blinder auftreten - das Licht ist nur an weil Sie es brauchen!


Und der Weg geht weiter. Wo wird dieser Weg hinführen? Ich weiß es nicht, aber ich bin sehr gespannt. Keiner soll denken, dass ich mich über diese Augenkrankheit freue. Sie macht mein Leben bestimmt nicht einfach. Aber sie ist trotzdem eine Art Motor – mein Antrieb nach vorne. Und das ist gut für mich und meine Musik...