GESANGSSREISE MIT BLINDENSTOCK

Fürs Diplom am Complete Vocal Institut fuhr Simon Bellett 18 Mal nach Kopenhagen und fand viele Helfer



BREMERHAVEN. „Was ist mit deiner Stimme passiert? Die klingt ja jetzt ganz anders - viel voller.“ Das hört Simon Bellett derzeit von vielen Bekannten. Eine schöne Bestätigung für ein erfolgreiches Aufbaustudium: Am Complete Vocal Institute Kopenhagen hat sich der Musiker aus Geestemünde drei Jahre lang in der weltweit modernsten Gesangsmethode ausbilden lassen und jüngst sein Diplom erhalten. „Allein die Fahrten dorthin waren für mich als Blinder ein Abenteuer“, sagt er.


    „Aber es hat mich selbstbewusster gemacht“, betont der 42-Jährige, den viele als Multi-Instrumentalisten auf Klavier, Akkordeon, Saxofon, Querflöte und Gitarre kennen. „Und von der Ausbildung bin ich ganz begeistert. Sie gibt mir eine Super-Sicherheit.“

    Die von der Stimmforscherin Cathrin Sadolin in 25-jähriger Arbeit entwickelte „Complete Vocal Technique“ stellt den Vorgang des Singens auf eine wissenschaftliche Grundlage, rückt ab von einem Gesang, der auf bloßen Vorstellungen wie „in die Maske singen“ beruht. Mit der Mikrokamera hat Sadolin genau erkundet was bei verschiedenen Gesangsarten im Hals vor sich geht und welches Singen den Stimmbändern guttut.

    Ob Klassik, Scat, Flamenco oder Metal, Peking-Oper, Rock, arabischer Gesang oder Soul: „Es wird nicht nach Geschmack geurteilt, sondern darauf geachtet, die Klänge auf natürliche Art zu produzieren“, erläutert Bellett.

„Belcanto ist keineswegs per se gesünder als Rockgesang.“ Er erinnert an Joe Cocker und Louis Armstrong: „beide sangen mit einer natürlichen Technik und pflegten ihren Reibeisen-Ton jahrzehntelang ohne stimmliche Einbußen.“

    Tatsächlich gewinnt die stilistisch offene, sehr strukturiert auf den körperlichen Gegebenheiten aufbauende Methode weltweit immer mehr Anhänger - auch in den Niederlanden und Deutschland. „In meinem Jahrgang mit knapp 50 Profis waren sogar eine Musical-Sängerin aus Stockholm und ein US-Plattenproduzent.“

    Belletts Fazit: „Ich kann jetzt Sachen singen, die sehr extrem sind, kann viele Klänge erzeugen, auch Stimmen imitieren, kann mit Hauch und mit verschiedenen Vibratos arbeiten - alles, ohne heiser zu werden. Und ich kann anderen Sängern helfen, die Stimmprobleme haben.“ Denn Heiserkeit ist immer ein Warnsignal der überforderten Stimme.

    Für Bellett, der nur im extremen Nahbereich ein wenig sehen kann, waren indes die Zugfahrten zu den 18 einwöchigen Seminaren sowie die Orientierung in der ihm fremden Stadt Kopenhagen und deren Bahnhof die größere Herausforderung.

„In Dänemark wird die Gleisnummer erst ein paar Minuten vor Abfahrt des Zuges bekanntgegeben“, erzählt er. „Auch gab es zwischen dem Institut und meiner Unterkunft ständig Straßenarbeiten. Kaum hatte ich mir eine Route eingeprägt, war sie schon wieder mit Baustellen gespickt.“

    Allerdings fand der Musiker mit dem Blindenstock auch viele hilfsbereite Menschen. „Manchmal erlaubten die Bahn-Mitarbeiter, dass ich während der Fährüberfahrt von Puttgarden nach Rödby und zurück im Zug bleiben durfte. Es war ein eigenartiges Erlebnis, alleine im ICE zu sitzen und das Schaukeln des Schiffes wahrzunehmen.“


Vom Obdachlosen geführt


    Obwohl der gebürtige Engländer sich gut verständigen konnte, kam es immer wieder zu irritierenden Situationen, wenn ihn Dänen fragten: „Can I follow you?“ (Darf ich dir hinterherlaufen). Bellett lacht: „Irgendwann fand ich heraus, dass sich die Worte für „folgen“ und „führen“ im Dänischen ähneln und als ,falsche Freunde` oft verkehrt ins Englische übersetzt werden.“

    Zwei größere Abenteuer hatte Bellett auch zu überstehen. „Als wegen eines Sturms viele Züge ausfielen, kam ich erst nachts um 3 Uhr in Kopenhagen an und musste feststellen, dass der Bahnhof geschlossen und alle anderen Fahrgäste schon fort waren.“ Ein Obdachloser führte den Sehbehinderten dann zum Taxistand.


Diplom mit Gruppenkuscheln


    Ebenso stressig wurde es, als Bellett wegen eines späten Seminars erst um 23 Uhr seine Unterkunft erreichte, die Haupttür bereits abgeschlossen war und er sich im strömenden Regen ein Hotel für die Nacht organisieren musste. „Zum Glück gab es immer wieder tolle Menschen, die mir ein Taxi herbeigewinkt oder mich geführt haben“, sagt er dankbar.

    Und ist noch immer über die Abschluss-Zeremonie bei der Diplomvergabe gerührt: „Die Dozenten standen nebeneinander, und die Absolventen schritten die Reihe händeschüttelnd ab. Ich überlegte schon: ,Wie schaffe ich das jetzt?`, als mich plötzlich alle zum ,Gruppenkuscheln` umringten. Das war ein sehr bewegender Moment - die Dozenten hatten sich überlegt, dass es auf diese Weise für mich einfacher ist.“

    Mit dem Diplom, das alle drei Jahre durch ein dreitägiges Aufbauseminar erneuert werden muss, fühlt sich Bellett jetzt musikalisch bestens aufgestellt. Und auch privat stellt er sich neu auf: Mitte August wird geheiratet.


Quelle: Nordseezeitung, August 2015.

Foto: Emily Rissiek