GROSSE LEIDENSCHAFT ZUR MUSIK

Künstler Simon Bellett lässt sich nicht auf einen Stil festlegen - Augenkrankheit schränkt ihn nicht ein


SCHIFFDORF. Bereits als Kind empfand er Leidenschaft für die Musik, dennoch wollte Simon Bellett nie Musiker werden. Mit sieben Jahren begann er Klavier zu spielen, wollte gerne in den Schulchor, doch der schnell urteilende Lehrer sagte damals zu ihm: „Keine gute Stimme, kein Talent, nein!“


So ging das Vorsingen gründlich daneben und dann dachte sich der Engländer aus Yorkshire, lerne ich Querflöte dazu, aber ein anderer „kluger“ pädagoge urteilte: „Du hast eine völlig falsche Mundform, nein!“ Und drückte Simon eine Klarinette in die Hand. „Ich habe Klarinette gehasst, ich wollte das nicht“, erinnert sich der 40-jähige und kann heute darüber lachen.

Doch gerade an den Steinen, die man ihm in den Weg legte, erkannte er den richtigen Pfad, seine Mitschüler trugen Zeitung und Pizza aus, er kaufte sich eine Gitarre und gründete mit fünfzehn Jahren eine Band. Dazu kam die Lust, Fremdsprachen zu lernen, so kam er 1995 nach Deutschland, und hier sollte der freischaffende Künstler bis heute in vielen Projekten arbeiten: Chöre für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, er schrieb das Kindermusical „Robin Hood“ und gibt so auf vielfältige Weise seine Neigung zur Musik an andere zurück. „Musik ist grenzenlos, in allen Situationen machbar, ob Kneipe, Kirche, Hochzeit oder Trauerfeier.“ Spezialisiert ist Bellett auf keinen Bereich, denn das Leben ist bunt. Keine zwei Tage sind gleich.

Rappelvoller Kalender

Nun muss er sich von ein paar Projekten trennen. Schon gibt es die ersten Unkennrufe: „Er schafft es eben nicht, seine Augen machen nicht mehr mit.“ Dann schlägt er fröhlich seinen übervollen Terminkalender auf und sagt: „Es gibt neue Aufgaben, meine Augenkrankheit ist dabei nebensächlich!“ Da sind Konzerte im TiF, sein neues Chorprojekt für Fortgeschrittene in Bremerhaven fordert bereits viel Vorbereitung. „Noten spielen bei mir eine immer geringere Rolle, die sehe ich ja fast nicht mehr, aber ich habe sie alle im Kopf.“

„Kopenhagen“ heißt momentan sein größtes Abendteuer. Seit August 2012 reist er regelmäßig dorthin, um an dem „Complete Vocal institute“ moderne Stimmbildung zu studieren. Nach drei Jahren erwirbt er sein Diplom und kann dann das Erlernte weitergeben. Ob Klassik oder AC/DC, ob sonorer Tenor oder raue Jazzröhre - der Unterricht in der dänischen Hauptstadt bei Catherine Sadolin bringt ihn voran.

Eine Bereicherung ist das Studium auf jeden Fall, denn alle Klänge seien auf gesunde Weise möglich. Verspielt zeigt der Musiker jede stilistische Vielschichtigkeit - akustische Salti für jeden Zuhörer.

Sohn Johan (15) hat eine eigene Band und wurde in das Sinfonische Blasorchester Wehdel aufgenommen. Tochter Emily (17) singt in Jugendchorprojekten mit. Bellett lebt seinen Traum, die Krankheit schränkt ihn nicht ein - er hat gesunde Hände, Melodien im Kopf, Ideen für Neues und seine Stimme. (hde)


Quelle: Nordseezeitung Januar 2013