DIE LANGE NACHT DER KULTUR KLINGT COOL

Das Bremerhaven-Lied fetzt voll: Simon Bellett (vorne von links) und Moritz Beer brachten beim „Tanz an Deck“ oben im Parkhaus City Nord junge und alte Besucher in Schwung.


Die Band Lauter Blech zog durch Lehe und sorgte lautstark dafür, dass niemand die 14. Lange Nacht der Kultur verpasste. Die Disco auf dem obersten Deck des Parkhauses City-Nord lockte zur Tanz-Party. Und bei der Musical-Show vor der Großen Kirche standen sich die Neugierigen die Füße platt. An 40 Orten zeigte sich wieder: Bremerhaven hat kulturell viel zu bieten - und ist nie um einen coolen Sound verlegen.


„Ich lauf so gerne durch die Straßen / meiner Seestadt Bremerhaven!“ Das neue Fishtown-Lied von Simon Bellett stand wie ein Motto über dem Abend. Als Aufruf zur Entdeckertour. Mit der neuen „Party an Deck“ im Parkhaus nebenan landete die Volkshochschule gleich einen Volltreffer. Hunderte - jung und alt - kamen, sangen, hüpften, klatschen. Hip-Hop-Vize-Weltmeister Moritz Beer übernahm im Flackerlicht die Koordination der Tanzwütigen: „Habt ihr Lust?“ Aber Hallo! Zu Musik aus Belletts Saxofon formierten sich die Reihen. „Woah oh oh oh“ und Superstimmung: Auch die Anwohner bekamen von dem Song etwas mit. Ein großes Familienfest.

Mit der Gruppe Nimba hatte der Abend in der „theo“ in Lehe begonnen - auf 15 afrikanischen Djambes wurden die Gewitterschauer weggetrommelt. Als dann der Riesenteddy der Kultur-Oase eine Polonaise mit Vertretern aus neun Nationen anführte und die 14 Bläser der Band Lauter Blech vorbeimarchierten lief das bunte Programm bestens in der Spur.

Ohren spitzen hieß es auch beim Kommunalen Kino im Cinemotion.

Keyboarder Guido Solarek ließ Filmmelodien raten - und spielte einmal gar nicht. Titel des musikfreien Films: „No country for old men“. Ganz schön schwer, dafür kannten alle den „Pink Panther“.

Mit dieser Melodie beendete später Kantor David Schollmeyer in der Großen Kirche seinen swingenden Orgeljazz - die 150 Stühle vor dem Gerüst waren fast allesamt besetzt. Musik mit Spaßfaktor? Die Jugendmusikschule war ebenfalls dabei. Zwei Flügel, vier Pianistinnen, acht Hände für Griegs „Peer Gynt“ und Gurlitts Jagd-Overtüre: So einen satten Sound erlebt man nicht alle Tage.

Bremerhaven, wie es singt und lacht. In der Pauluskirche quarkte groß Die Hörbänd, ein blutjunges Acappella-Quintett aus Hannover, die Erotik im Märchen vom Froschkönig wach. „Küss mich, Königstochter, küss mich!“: Die Hörer amusierten sich prächtig.

Doch auch die Angebote ohne Musik machten einiges her. Die NORDSEE-ZEITUNG kommt um die Wahrheit nicht herum: 200 Gäste drängten sich beim „Hate-Slam“ in der Druckhalle, wo fünf Redakteure kuriose Lesebriefe lasen. „Ich suche eine Frau, die sich gern total verschleiert“ - da hörte man vergnügtes Gnickern.

Die Fußgängerzone musste diesmal ohne Stelzenläufer auskommen. Fünf Aktions-Bars des Kulturbüros sprangen in die Bresche: Besonders umlagert war die „Sicht-Bar“, an der man sich kostümiert fotografieren lassen konnte. Auch Instant Impro zog viel Publikum: köstlich das mörderiche „B`hafen country“ -Drama „Die Schnecke in der Taschenuhr“.

Manche Perle ließ sich etwas abseits entdecken, wie die hervorragende Ausstellung der Architektenkammer im Timeport II. Sie lenkte den Blick auf 21 historische, architektonisch bedeutsames Bauten, die nicht unter Denkmalschutz stehen und oft gar nicht wahrgenommen werden.

Für den späteren Abend empfahl sich die „Alte Bürger“. Die Galerie 149 etwa, in der Norbert Duwe und Sabine Osthoff vor blauen Bild alles von Blaukehlchen bis Blausäure auskrammten, was die Literatur an blaue Farbe zu bieten hat. Ein Trio um Jan-Hendrik Ehlers fügte Blue Notes dazu. Und im Piccolo Teatro - erstmals dabei - wurde bei Texten heimischer Autorinnen spätestens beim Dialog über „Die letzte Kneipe vor New York“ erneut der Sound Bremerhavens spürbar. Sogar ganz ohne Musik.


Quelle: Nordseezeitung, Juni 2015. Sebastian Loskant